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Stein gegen das Vergessen

© Dorfgemeinschaft
Röhrenfurth

Stein gegen das Vergessen

Stele mahnt zum Frieden

Gedenkstein in Röhrenfurth erinnern an die ermordeten Juden

Unter großer Beteiligung der Bevölkerung wurde auf dem Röhrenfurther Friedhof ein Gedenkstein für die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordeten Juden aus dem Ort eingeweiht. Träger des Projekts ist die Dorfgemeinschaft Röhrenfurth. Initiator ist Heinrich Riedemann.

Von Manfred Schaake

Röhrenfurth. Verfolgt, interniert, deportiert, ermordet. Zur Mahnung. Das steht auf der Bronzetafel des Gedenksteins, der auf dem Röhrenfurther Friedhof für die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordeten elf Juden aus dem heutigen Melsunger Stadtteil aufgestellt wurde. Die Sandstein-Stele ist mit christlichem Segen und Reden feierlich eingeweiht worden. Der Gedenkstein steht neben dem Ehrenmal für die in beiden Weltkriegen Gefallenen und Vermissten und soll eine ständige Mahnung zum Frieden sein.

Initiator des Projektes ist Heinrich Riedemann, der sich seit Jahrzehnten intensiv mit der Röhrenfurter Geschichte befasst. Sein Schwiegervater Kurt Maurer, Jahrgang 1915, hatte persönliche Erinnerungen an das Zusammenleben mit den jüdischen Einwohnern Röhrenfurths.

1991 hatte Maurer beim damaligen Ortsbeirat angeregt, den jüdischen Opfern durch eine Ergänzung des Ehrenmals zu gedenken. Kurz danach erkrankte er schwer und verstarb 1992. Heinrich Riedemann – über 20 Jahre im Ortsbeirat aktiv – ließ nicht locker und bekam schließlich Unterstützung. Für ihn ist der Gedenkstein eine Herzensangelegenheit: „Ich freue mich, dass das jetzt verwirklicht wurde, weil das damals nicht weiter verfolgt worden ist”, sagte er.

1941 wurden die noch elf in Röhrenfurth lebenden Juden verschleppt und mit dem Zug ins Ghetto nach Riga gebracht, sagte Pfarrer Henning Meinecke im Gottesdienst, „sie sind alle umgekommen”. Einige seien im November 1943 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet worden.

Meinecke: „Der Gedenkstein soll nicht nur an die Gräueltaten und die verstorbenen Juden erinnern. Diese Einweihung dient auch als Mahnung, dass wir uns für das Wohl unserer Mitmenschen und unseres Zusammenlebens einsetzen.” Der Gedenkstein sei eine Mahnung für die Zukunft, für das Wohl und den Frieden. Wenn man heute feststelle, dass sich Politiker oder Parteien menschenverachtend äußern oder verhalten, „dann haben wir die Verantwortung, unsere Stimme zu erheben und uns für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen”.
 


1711 werden die ersten Juden genannt

Bis zu 102 Einwohner jüdischen Glaubens lebten einst in Röhrenfurth in 14 Häusern, hat Kurt Maurer in der Chronik 800 Jahre Röhrenfurth festgehalten: „Das war ein Fünftel der damaligen Einwohnerzahl.” Im früheren Kreis Melsungen lebten Juden nur in Melsungen, Spangenberg, Felsberg, Guxhagen, Röhrenfurth, Malsfeld und Heinebach. Nach den Recherchen Maurers werden im Jahre 1711 in Röhrenfurth erstmals drei Juden genannt. Die Synagoge an der Straße Zum Breitenbach ist vermutlich 1829 eingerichtet worden. Laut Chronik hatten sich die Röhrenfurther Juden erfolgreich gegen eine Zuteilung zur Gemeinde Melsungen gewehrt.
Das Synagogengebäude wurde 1921 in ein Wohnhaus umgebaut. Hier wurden 1939 die noch in Röhrenfurth lebenden Juden einquartiert.
Heimatchronist Heinrich Riedemann erinnerte daran, dass die letzten Röhrenfurter Juden zu denen gehörten, die während des Nazi-Regimes vom Kasseler Hauptbahnhof aus ihre Reise ohne Wiederkehr antreten mussten und bei 40 Grad Minus und im Schneesturm ins jüdische Ghetto in Riga kamen, darunter ein zweijähriges Kind. 2500 Juden aus Nordhessen kamen nach Riga sowie in die Konzentrationslager Majdanek und Theresienstadt.
Dr. Gunnar Richter, Leiter der Gedenkstätte Breitenau,  erläuterte, dass auf dem Gelände des ehemaligen Klosters Breitenau am Beginn der Nazi-Zeit ein Konzentrationslager für politische Gegner der Nazis existierte und während des Krieges ein Straf- und Haftlager der Geheimen Staatspolizei, in dem fast 8500 Gefangene inhaftiert waren. Beim Erinnern an die Opfer der NS-Zeit, so Richter, gehe es auch um grundsätzliche Fragen des Umgangs von Menschen mit Menschen. Es sei zu wünschen zu hoffen, dass diese Erinnerung viele Menschen dazu bewege, für eine demokratische Gesellschaft mit Menschenwürde, Gleichberechtigung, Toleranz und gegenseitige Achtung einzutreten. (m.s.)
 

Dank an die Spender

Dank zahlreicher Spenden ist das Projekt Gedenkstein finanziert worden. Die Gesamtkosten betragen 7000 Euro. Klaus Bärthel, Vorsitzender der Dorfgemeinschaft Röhrenfurth, dankte allen Unterstützern, vor allem Initiator Heinrich Riedemann. Gespendet haben die Hessische Staatskanzlei, die Stiftungen der Kreissparkasse und der VR-Bank, die Jagdgenossenschaft, der Turn- und Sportverein, die Christliche Gemeinde Röhrenfurth, der SPD-Ortsverein, die Freiwillige Feuerwehr, der Veteranen-Löschzug, die Chorvereinigung und die Karneval-Gemeinschaft. Die Restfinanzierung erledigt der Verein Dorfgemeinschaft Röhrenfurth. (m.s.)
 
 
Das sagt der Ortsvorsteher
„Auch in unserem Dorf wurden während der NS-Zeit Mitbürger ermordet, nur weil sie einer bestimmten Glaubensrichtung angehörten”, sagt Ortsvorsteher Michael Wagner. Und: „Dieser Stein soll uns immer an das verübte Unrecht erinnern und dazu auffordern, solche Verbrechen nie wieder zuzulassen.” (m.s.)
 

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